Das geheime Leben der Worte

Es war einmal ein kleines schwarzes Wort. Das hatte Angst, von den großen wichtigen Worten erdrückt zu werden. Genauso viel Angst hatte es davor, gesehen zu werden. Denn es hatte ein großes Handicap: Der Setzer hatte seine Buchstabenformen unsauber und mit viel zu viel Tinte aufs Papier gedrückt. Deswegen war es verwischt und fühlte sich unbedeutend. Begegnete es anderen Worten, zog es sich so gut es konnte zusammen, weil es nicht verspottet werden wollte.
Doch eines Tages geschah etwas seltsames: Seine Nachbarworte wurden auf es aufmerksam und schauten es an. Da versuchte es, sich noch dünner zu machen. Doch immer weiter entfernt stehende Worte reckten sich plötzlich, um es zu sehen. Schließlich bildeten sie einen Kreis um das kleine Wort.
„Oh, nein, wo soll ich hin“, seufzte es.
„Mach dich nicht so klein, wir können ja gar nichts sehen“, rief ein entferntes langes Wort.
„Das ist schade“, pflichtete ein anderes bei.
Schade, wieso schade? Das kleine Wort verstand nicht. Oder wollten die anderen es jetzt richtig ärgern? Rotteten sie sich dafür zusammen?
„Ja, schade“, erklärte ein glockenhelles Wort, „du hast so schöne Schnörkel, die haben wir noch nie gesehen“.
„Und du hast einen einmaligen Schatten.“
„Wir wirken neben dir so eindimensional, so flach.“
„Du hast viel mehr Tiefe.“
Doch so viel sie auch redeten, das kleine Wort mochte nicht so recht Hoffnung schöpfen. Zu sehr ängstigte es sich davor, enttäuscht zu werden.
„Du wirkst irgendwie anders“, sagte ein dickes Wort und schob ein paar andere zur Seite, um näher zu treten. „Richtig wie ein – hm, wie ein Bild!“
„Ja, ein Bild, ein Bild!“
„Gut gesagt!“
Nun fingen die Wörter an, um das kleine Wort zu tanzen und zu singen. „Ein Bild.“
Das ging so lange weiter, bis auch das kleine schwarze Wort daran glaubte. Da dehnte und streckte es sich, bis es schön und schlank war, und tanzte mit den anderen, in ihrer Mitte.

 

Wörtertanz